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Ein anonymer Bericht über eine Geburt

Mein Geburtsbericht beginnt 22.11.22.
Mein Mann war bereits Zuhause und bummelte Überstunden ab, denn unser kleines Wunder könnte sich jeden Moment auf den Weg machen. Der errechnete Termin 26.11.22 war zum Greifen nah und die Hoffnung in uns, dass wir es noch vor dem Termin schaffen würden, eine kleine Familie zu sein. Wir haben so lange auf dieses Wunder gewartet und noch immer ist es unfassbar, dass es geklappt hat und wir Eltern werden 


Während der gesamten Schwangerschaft habe ich versucht, so fit wie möglich zu bleiben und nur wenig Gewicht zuzunehmen, da ich mit starkem Übergewicht in die Schwangerschaft gestartet bin. Das ist mir auch gut gelungen, denn am Ende zeigte die Waage nur 3,3kg mehr an. Bis Anfang November habe ich 1x pro Woche Zumba getanzt. Natürlich nicht mehr so ausgelassen wie vor der Schwangerschaft, aber es ging mir primär um die Bewegung und den Spass dabei. Dann bin ich in einen Mawiba Kurs gewechselt. 

Am 22.11.22 war die letzte Kursstunde. 
Früh morgens saß ich also nun mit meinem Mann beim Frühstück, die Sporttasche bereits gepackt, als im Radio die Mitteilung kam, dass in Erfurt und Gotha der Weihnachtsmarkt öffnet. Ich fragte ihn: „Auf welchen Weihnachtsmarkt wollen wir heute fahren?“, und lachte. Er sagte: „Wenn du willst und es dir gut geht, fahren wir. Am besten nach Erfurt, da gibt’s eine Puffbohne wenn man entbindet.“

Auf zum Weihnachtsmarkt


Gesagt, getan. Ich ging zum Sport. Im Anschluss verzierte ich die restlichen Plätzchen vom Vortag mit Schokolade, dass sie trocknen sollten, und wir fuhren los auf den Weihnachtsmarkt. Viele erklärten mich für verrückt, aber ich dachte mir, vom Zuhause warten geht es ja auch nicht schneller. Die Klinik- und Kreißsaaltasche hatten wir natürlich für den Notfall im Kofferraum.
Wir hatten einen wunderschönen Nachmittag, trafen uns vor Ort noch mit meinem Neffen und seiner Freundin und sind lecker Essen gegangen. Dann ging es wieder in Richtung Heimat. Schnell noch getankt und gegen halb Zehn waren wir wieder Zuhause. 


Als ich aussteigen wollte merkte ich auf einmal, wie ein paar Tropfen in die Hose gingen. Okay dachte ich mir, ich muss dringend auf die Toilette. Die Hebamme meinte, das könne gegen Ende schonmal passieren, dass man den Urin nicht mehr so gut halten kann. Als ich ausgestiegen war, lief ein etwas größerer Schwapp und in dem Moment realisierte ich, das könnte auch die Fruchtblase gewesen sein. Also rief ich meinen Mann, der bereits das Auto auslud mit den Worten: „Schatz wir haben ein Problem. Entweder ich hab mich eingepullert oder die Fruchtblase ist geplatzt“. Er sagte: „ernsthaft“ und wir fingen beide erstmal herzhaft an zu lachen. Denn wir hatten immer aus Spass gesagt, der 22.11.22 sei so ein schönes Geburtsdatum. Da standen wir nun und aus dem Lachen wurde kurzzeitig Hektik. Wir hatten oft über ein solches Szenario gesprochen, aber nun kam extrem viel Aufregung, Angst und Vorfreude dazu. 

Geht nun die Geburt los?


Kurzerhand gingen wir nochmal rein, er packte ein paar Sachen ins Auto. Ich ging mich frisch machen und rief im Krankenhaus an. Mein Mann meinte: „was müssen wir noch machen?“ „Ich packe noch die Plätzchen ein.“, sagte ich zu ihm. Er sagte:“ Du machst gar nix mehr, das kann morgen gemacht werden.“ Am Ende hat er es brav gemacht, sonst wäre ich vermutlich nicht gefahren. Schliesslich könnten die trocken werden war mein Gedanke. Und das wäre schade, wo ich doch so stolz war 17 Sorten Plätzchen, Stollen und Lebkuchen gebacken zu haben in den letzten Tagen der Schwangerschaft. 


Zum Glück war es nicht weit bis zum Krankenhaus. 
Im Krankenhaus angekommen durfte er leider nicht mit auf die Entbindungsstation wegen der Coronaregeln. So wurde ich alleine in einen Kreißsaal gebracht und ans CTG gestöpselt.  Da war es halb elf. Wehen hatte ich zu dem Zeitpunkt keine.


Nach der Untersuchung bekam ich ein Zimmer, mein Mann durfte nochmal kurz zu mir und ich sollte versuchen zu schlafen. Schwierig, wenn man nicht weiss, was einen erwartet. Es war eine Mischung aus Aufregeung, Angst und Vorfreude. An Schlaf war kaum zu denken, zumal ja ständig Fruchtwasser lief. Alles andere als angenehm. Nach jedem Trockenlegen dauerte es nicht lange bis wieder alles feucht war. Das war der Teil, den ich gerne vorher gewusst hätte. Fruchtwasser läuft immer wieder nach bis zur Geburt…

Der nächste Tag, ging heute die Geburt los?


Am nächsten Morgen hatte ich immer noch keine Wehen, nur ab und an ein leichtes Ziehen. 
Ich lief im Zimmer und im Flur mit einem Buch in der Hand auf und ab, hoffnungsvoll dass die Wehen einsetzen. Gegen neun Uhr bekam ich dann einen Einlauf und einen Wehencocktail, um die Geburt auf natürliche Weise in Schwung zu bekommen. Ich drehte im Krankenhausgarten meine Runden. 
Bis 12 tat sich leider immer noch nicht viel… Muttermund 2cm offen, aber noch viel zu wenig. Deswegen wurde die Vor-Fruchtblase mit einem Häkchen geöffnet, denn die Fruchtblase war weiter oben gerissen. Sehr unangenehm. Also das Eröffnen war nicht schmerzhaft, aber der Weg dorthin, den sich Hebamme und Ärztin gebahnt haben. Ebenso das ganze Fruchtwasser, was sich schwallartig ergoss empfand ich als sehr unangenehm. 


Kurz danach bekam ich dann endlich die erhofften Wehen und mit ihnen setzte neben der Übelkeit auch permanentes Erbrechen ein. Man wollte mir ein Schmerzmittel geben, aber die Schmerzen waren für mich auszuhalten und ich konnte sie gut weg atmen. Gegen die Übelkeit bekam ich leider nichts. So verstrich der Tag. Mein Mann war bei mir und wir gingen viel Spazieren, atmeten die Wehen weg, die mittlerweile alle 1-2 Minuten kamen und hofften, dass sich bald etwas tut. Zwischendurch leerte er einen Kotzbeutel nach dem anderen. 
Doch der Muttermund ging nicht weiter auf und stagnierte bei 3cm. 


Mittlerweile bekam ich Antibiotika über einen Tropf um das Infektionsrisiko für mich und mein Baby zu senken. 
Über Nacht durfte mein Mann dann zum Glück bleiben, worüber ich sehr froh war. Denn es war eine sehr schlaflose Nacht. Gedankenchaos im Kopf. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Hatte ich doch extra Probiotika genommen, um optimal vorbereitet zu sein und jetzt macht das Antibiotikum alles zu nichte. Schmerzhafte Wehen, Übelkeit, Erbrechen und hin und herpendeln zwischen Zimmer und Kreißsaal und ständige Untersuchungen von Hebammen und Ärzten. In den frühen Morgenstunden bekam ich dann ein Vomex Zäpfchen. Was für eine Wohltat. Ein paar Minuten keine Übelkeit. Die Nebenwirkung Müdigkeit kam mir sehr gelegen und wir konnten nochmal kurz Kraft tanken.

Am Morgen des mittelweile 24.11. mal wieder Chefarztgespräch. Ich wurde aufgeklärt, dass es jetzt langsam Zeit wird und der Kleine kommen muss, weil der Blasensprung schon so lange her war. Ich höre noch die Worte „wenn sie nicht mehr können oder wollen, können wir auch einen Kaiserschnitt machen.“ In meinen Kopf die Stimme sagte „nein, wir haben bis hier her die Schmerzen gehabt und gekämpft, wir kämpfen weiter so lange es geht.“ Die Chefärztin erklärte mir aber auch, dass wir, wenn der Wehentropf jetzt nicht den Erfolg bringt, einen Kaiserschnitt machen müssen. Sie klärte mich über PDA und ähnliches auf, aber ich wollte doch so natürlich wie möglich entbinden und entschied mich gegen die Schmerztherapien. Ich hatte solche Angst, vor dem Horrortropf, denn davon hatte ich schon viel gehört. 


So ging es nun mit OP Hemdchen in den Kreißsaal. Muttermund weiterhin bei 3cm. Der Wehentropf kam dran und es dauerte nicht lange, bis ich Schmerzen des Todes bekam. Ich dachte, es zerreißt mich innerlich. Wehen kannte ich bereits, aber durch den Tropf gab es keine Pause mehr zum wegatmen zwischen den einzelnen Wehen. Es war ein Dauerschmerz, den ich so nicht aushielt. 
Die Hebamme tastete den Muttermund und sagte: „8cm geöffnet.“ Laut Chefärztin viel zu schnell: „5 cm in ner halben Stunde. Ich taste selber nochmal.“ Mir war nicht mehr nach tasten oder ähnlichem. Ich wollte nur noch mein Baby in dem Arm halten. Mein Mann sagte immer wieder, zusammen schaffen wir das und solange du keinen Kaiserschnitt willst, unterstütze ich dich dabei. 


Ich entschied mich dann doch für eine PDA und bin im Nachhinein sehr froh darüber.
Plötzlich stand der Kreißsaal voll. Ärzte, Hebammen, Anästhesist. Es ging schnell, der Wehenhemmer wurde gespritzt und die PDA zwischen den Wehen gesetzt, die trotzdem noch sehr intensiv in kurzen Abständen kamen. 
Ich hatte die Hoffnung, es würde nun schnell gehen, aber da hatte ich die Rechnung ohne unseren Sohn gemacht.  
Ich war mittlerweile total verkabelt. Antibiotikatropf und Infusion, Blutdruckmanschette, Pulsmesser und unserem Baby wurde eine Sonde an den Kopf gelegt. 


Der Muttermund war quasi vollständig geöffnet. Ein kleiner Saum stand noch. Dieser wurde nach Rücksprache von Hebamme und Ärztin beiseite geschoben in der Hoffnung, wir können das ganze nun endlich beschleunigen. Es folgten unzählige Wehen mit Drehen von Rückenlage auf die linke Seite, den Vierfüsslerstand, die rechte Seite und wieder auf den Rücken. Alles unter Wehen. Meine Hebamme motivierte mich und mein Mann auch. Er wurde mit in die Geburt einbezogen und ich fühlte mich sicher. Auch wenn ich hoffte, dass es bald geschafft ist. Die Hebamme forderte mich auf zu pressen und ich ließ mich darauf ein und es war mehrfach fast geschafft, der Kopf war jedes Mal fast da. 


Mit der Zeit wurde die Hebamme etwas unruhig und meinte, so langsam müsste er mal kommen. Trotz unzähliger Presswehen fehlte immer noch ein klitzekleines Stück. Sie meinte: „Irgendwas hält ihn noch zurück. Wir müssen Platz schaffen. Der Damm ist weich und geschmeidig, aber reißt nicht. Wir geben ihm noch ein bisschen Zeit, ansonsten müssten wir einen Dammschnitt machen.“ Die Ärztin stimmte dem zu. Dann sagte sie noch: „nebenan kommt gerade noch ein Baby auf die Welt. Aber jetzt sind wir dran. Wir lassen keinen mehr vor.“ 


Also wurde ein paar Presswehen später ein Dammschnitt gemacht. Dann ging es wirklich schnell und der kleine Mann war. Kurzzeitig Stille und in mir ein Gefühl der Angst, doch dann kam er der besagte erste Schrei. Dann erklärte man mir auch, was das Problem war. Unser Sonnenschein hatte zweimal die Nabelschnur um den Hals gewickelt und einmal quer umgehangen wie eine Tasche. Mein Mann und ich waren einfach nur glücklich. Unser Sohn lag auf meiner Brust und ich empfand pure Liebe für unsere kleine Erbse, wie sein Spitzname im Bauch war. Mein Mann durfte ihn wickeln und anziehen, während ich genäht wurde. Dammschnitt und Scheidenriss, aber immerhin ging die Nachgeburt ohne Komplikationen von statten.


Dann duften wir den Moment genießen. Ich durfte ihn im Kreißsaal das erste Mal anlegen und es war ein so intensives Gefühl der Verbundenheit, seinen eigenen Sohn zu stillen. Für mich gab es dann Pizza im Kreißsaal. Eine Wohltat nach dem quasi einen ganzen Tag lang nichts drin geblieben ist und man einen Marathon gelaufen ist. Ich musste noch ein bisschen liegen, wendete keinen Blick ab vom Sonnenschein. Dann wurde das erste Familienfoto gemacht und wir durften als Familie aufs Zimmer. Ich entschied mich gegen den Rollstuhl, lief ganz langsam aufs Zimmer. Mein Mann stützte mich am Rücken und war stolz auf das was wir als kleine Familie geschafft haben. 


Die Ärzte und Hebammen haben in den kommenden Tagen immer zu mir gesagt, dass sie mitgefiebert haben, bis das Baby endlich da war und meinten, nur wenige haben die Kraft dafür. Die meisten entscheiden sich für einen Kaiserschnitt. Ich bin stolz und würde jederzeit wieder kämpfen. Den Kampf hab ich gewonnen dank meinem Mann und dem tollen Team aus Ärzten und Hebammen und ich durfte viele kennenlernen, denn die Geburt dauerte lange. Sie haben mir zu jeder Zeit die Angst genommen und waren für mich da. Leider hatte unser Sohn Gelbsucht und eine Infektion, musste dann für eine Woche auf die Kinderstation. Das war schlimmer als die ganze Geburt und die war schon alles andere als schön. Das muss verarbeitet werden. Vermutlich ist das der Grund, weswegen ich das aufgeschrieben habe… Aber auch das haben wir geschafft und genießen nun seit 8 Monaten unser Familienleben mit allen Höhen und Tiefen.

Würdest auch du deine Geburt mit uns teilen? Dann sende sie mir gerne an info@mamaluja.de oder über das Kontaktformular. Sehr gerne auch mit einem Foto.